2.400.000 Handys

01.07.2020

So viele würde der Batteriespeicher im brandenburgischen Ort Cremzow ersetzen. Im Mai 2019 weihten ihn die Unternehmen ENEL Green Power, ENERTRAG und Leclanché ein. Das System mit einer Speicherleistung von 22 MW unterstützt die Frequenzstabilität des deutschen Stromnetzes durch die Bereitstellung von Primärregelleistung in Echtzeit. Wie der reibungslose Betrieb seit gut einem Jahr sichergestellt wird, erklärt Hemendra Singh Rathod, Betriebsführer bei der zuständigen Tochtergesellschaft ENERTRAG Betrieb.

Es ist ruhig auf dem Gelände des Batteriespeichers in Cremzow. Für gewöhnlich ein gutes Zeichen, denn es bedeutet,  dass das System reibungsläuft läuft. Einzig das Surren der Klimaanlage im Innern der Container dringt bis nach außen auf das 1.500 Quadratmeter große Gelände. Für die steht heute die vierteljährliche Wartung an. Das Team von Leclanché, der Wartungsfirma, hat bereits mit seiner Arbeit angefangen. Die 5280 Lithium- Ionen-Module im Innern der 100 Kubikmeter großen Container mögen keine Temperaturschwankungen, sie arbeiten am effizientesten bei konstanten 20 Grad. Die müssen zu jeder Zeit gewährleistet werden.

Das weiß auch Hemendra Rathod, Betriebsführer bei ENERTRAG Betrieb und zuständig für alles was mit dem Batteriespeicher in Cremzow zu tun hat. Regelmäßige Wartungen der unterschiedlichen Bereiche und Teilsysteme sind enorm wichtig für den reibungslosen Betrieb des BESS (Battery Energy Story System) und gehören zu seinem Tagesgeschäft. „In diesem Fall wird nicht nur die reguläre Wartung durchgeführt, sondern auch noch geprüft, ob der Motor der Klimaanlage in Ordnung ist. Mir wurden immer wieder Fehlermeldungen im System angezeigt“, erklärt er und zeigt auf das Fernzugriffmodul auf seinem Handy.

Grün, Gelb, Rot:  Störmeldungen nach Ampelsystem
Um auf die und andere Störungen schnell reagieren zu können, kann Hemendra Rathod den Status des Batteriespeichers auf seinem Laptop in der Zentrale in Dauerthal abrufen, wo ENERTRAG seinen Hauptsitz mit der Leitwarte hat, oder mobil auf seinem Smartphone. Letzteres ermöglicht ihm flexibel zu sein, denn neben den regulären acht Arbeitsstunden pro Tag, ist er für Notfälle durchgehend erreichbar, 24/7-Rufbereitschaft sozusagen. Ein Kollege vertritt ihn, wenn er frei hat.
Sobald sie auftreten, die Störmeldungen, werden sie vom System bereits kategorisiert und ploppen bei Hemendra ganz schlicht als rote oder gelbe Nachrichten auf. Die Roten dulden keinen Aufschub. Um diese muss er sich sofort kümmern. Ansonsten droht dem Batteriespeicher der Ausfall, der wiederum zu Schäden führen kann. Und Ausfälle bedeuten immer Ertragseinbußen, die nicht nur für ENERTRAG unschön wären, sondern auch für Enel Green Power, dem Hauptanteilseigner des Projekts. Ist den roten, bedrohlichen und dringenden Meldungen per Fernwartung aus der Leitwarte nicht beizukommen, wird Hemendra informiert und er fährt gegebenenfalls direkt nach Cremzow, um dort auf Ursachenforschung zu gehen. Das gleiche gilt auch für die Gelben. Manchmal entpuppen sich Störmeldungen als falscher Alarm und ein Systemneustart genügt, um das Problem zu beheben.
Manchmal jedoch muss Hemendra Stunden investieren, um die Quelle der Fehlermeldung zu finden. Die Kenntnisse, die er sich während seines Ingenieurstudiums und seiner verschiedenen Berufsstationen angeeignet hat, zahlen sich aus. Kleinere, defekte Technikteile tauscht er, wenn notwendig, selbst aus. „Da kommt der Pragmatiker in mir durch“, erklärt er mit einem Lächeln. Für gewöhnlich jedoch kümmert sich Leclanché, neben Enel und ENERTRAG das dritte Unternehmen im Projektkonsortium, um den Service und die Wartungen des BESS.

Analyse-Tag“ und der wöchentliche, technische Bericht

Sobald die Wartungsarbeiten an der Klimaanlage abgeschlossen sind, fertigt Hemendra Rathod den Bericht für Enel und ENERTRAG darüber an, wie für all die anderen regelmäßigen Wartungen auch. Jede noch so kleine Veränderung oder Tätigkeit am Batteriespeicher muss dokumentiert werden und nachvollziehbar sein, eine Art technisches Tagebuch. Zusätzlich ist freitags „Analyse-Tag“. Dann wertet Hemendra die wöchentliche Leistungskurve des BESS aus, bündelt alle relevanten Informationen und schickt  sie an Enel. Viel E-Mail-Austausch, bei dem Hemendra den Überblick behalten muss. Für ihn ist es jedoch mehr, er sieht den eigentlichen Zweck dahinter: „Ich muss eine hohe technische Verfügbarkeit des Systems sicherstellen“, betont er. „Es geht nicht nur darum, den Batteriespeicher am Laufen zu halten und die Stakeholder zu informieren, sondern um die Tatsache, dass mit der Primärregelleistung des BESS die Frequenzstabilität des deutschen Stromnetzes unterstützt wird. Das ist keine kleine Sache.“

Der Frequenzharmonisierer
50 Hertz – das ist die Normalfrequenz des deutschen Stromnetzes, die zu jeder Zeit gehalten werden muss. Gerade bei starken Schwankungen, z.B. wenn zu wenig Strom im Netz vorhanden ist als benötigt wird, sind die vier Übertragungsnetzbetreiber gefragt in Sekundenschnelle zu reagieren, das Netz zu stabilisieren und einen Stromausfall zu verhindern. Hier kommt die Primärregelleistung (PRL) mithilfe des Batteriespeichers ins Spiel. Fällt die Frequenz, wird Strom aus dem Batteriespeicher innerhalb von 30 Sekunden ins Stromnetz gespeist, gleichzeitig entlädt sich die Batterie. Bei einem Frequenzanstieg funktioniert das Prinzip umgekehrt: Überschüssiger Strom wird aus dem Stromnetz in den Batteriespeicher geleitet, er lädt sich auf. „Primärregelleistung muss theoretisch durchgehend 15 Minuten lang erbracht werden, aber meistens wird die Laständerung so lange abgefedert, bis die Netzfrequenz wieder bei 50 Hertz liegt“, erklärt Hemendra. Allein am 17. Mai 2020 zwischen 11:55 Uhr und 12:05 Uhr lag in Cremzow die zu kompensierende Leistung für die 50 Hertz bei 17 MW (siehe Grafik). Die BESS-Daten sind auch im PowerSystem hinterlegt, die Inhouse-entwickelte Software zum Managen von Energieerzeugungsanlagen von ENERTRAG. Die dortigen Analysen werden ebenfalls zur Leistungsberechnung des Batteriespeichers herangezogen.

Auf einen weiteren Mehrwert der Batteriespeicherlösung wies Jörg Müller, Gründer und Gesellschafter von ENERTRAG, bei der Einweihung hin: „Cremzow BESS ermöglicht uns im Falle eines Versorgungsausfalles Erneuerbarer-Energie-Systeme neu zu starten.“ Im Klartext bedeutet das: Bei einem Stromausfall der angeschlossenen Windkraftanlagen fungiert der Batteriespeicher gewissermaßen als „Starterbatterie“, wie die in einem Auto. Er stellt den Strom zur Verfügung, den die Anlagen zum Wiederanfahren benötigen.

Sorgfaltspflicht als Schnittstellenmaster
Für seine Kontrollgänge vor Ort fährt  Hemendra ein bis zwei Mal in der Woche die sieben Kilometer von Dauerthal nach Cremzow. Das Gelände mit den zehn  Containern liegt direkt gegenüber vom  Umspannwerk Cremzow, in dem der Strom aus dem Batteriespeicher von 20.000 auf 110.000 Volt umgewandelt wird, bevor er zu dem größeren Umspannwerk in Bertikow fließt. Ein elfter Container steht direkt auf dem Gelände des Umspannwerkes. Hier startete bereits im Juli 2018 das Pilotprojekt mit einem kleinen Batteriespeicher (2 MW).
Ehe Hemendra den Schlüssel im Schloss des Tores umdreht, muss er in der Leitwarte von ENERTRAG seinen Kontrollgang angemeldet haben. Ansonsten würde dort eine Meldung eingehen, dass jemand Unbefugtes das Gelände betreten hat. Die Gründe: Zum einen besteht bei Arbeiten mit Strom immer Lebensgefahr, Hemendra muss also zu jeder Zeit wissen, wer auf dem Gelände welche Arbeiten durchführt. Zum anderen muss jeder Zutritt von der Warte für die Statistik und Abrechnung dokumentiert werden. Auch Termine mit dem Wartungspersonal, den Behörden oder der eigens gegründeten Zweckgesellschaft koordiniert er gewissenhaft und akribisch. Dabei muss er immer den Überblick behalten und sehr flexibel bleiben, wenn Termine verschoben oder er Leistungen nachfordern muss. Seine Position als Schnittstelle für die verschiedenen Stakeholder, wie Enel, Leclanché, Direktvermarkter und Netzbetreiber ist anspruchsvoll. Aber Hemendra meistert seine Aufgaben mit beharrlicher Gelassenheit.

Die Fähigkeit sich auf neue Situationen einstellen zu können, bringt er von Zuhause mit. Als frischgebackener Vater hat sich sein Blick auf Verantwortung geschärft. „Ich denke stärker darüber nach, welche Folgen Entscheidungen haben könnten, weil das Arbeiten im Sektor der Stromversorgung nicht auf die leichte Schulter genommen werden darf“, erklärt Hemendra. Davon profitiert auch seine Arbeit rund um den Batteriespeicher. Bei seinen Kontrollgängen überprüft er alle Komponenten gewissenhaft: die Batteriegestelle mit den je 15 Modulen, die elf Trafos außerhalb der Container, die Mittelspannungstrafos. Im Laufe des Arbeitstages erklärt er ausführlich, zeigt auf und in Kontrollkästen, fährt auf den Übersichten an den Sicherungskästen die Leitungen mit dem Finger nach, beschreibt lebhaft detailliert Bauteile und checkt immer wieder den Status des BESS auf seinem Smartphone.
Auf die Frage, wie viele Handys der Batteriespeicher ersetzen würde, erwidert er: „Eine Menge.“ Später, als er nach den Wartungsarbeiten an diesem Tag, das Tor schließt, ergänzt er: „Ich habe es ausgerechnet: Bei einer durchschnittlichen Kapazität von 4.000 mAh und 4 Volt pro Gerät sind es ca. 2.400.000 Handys.“ Hier merkt man: Er nimmt seinen Job ernst und man kauft es ihm ab.

Schauen Sie sich den Bau des Batteriespeichers an! Hier geht’s zum Video „Enel Green Power baut ersten Batteriespeicher in Deutschland“ (nur Englisch) 
Die offizielle Pressemitteilung „ENEL Green Power, ENERTRAG und Leclanché weihen das erste deutsche Batterie-Energiespeichersystem (BESS) in Cremzow ein“ finden Sie hier.